Der Schambachtalbahn-Radweg ist mehr als Asphalt auf alten Schienen. Er ist ein Band durch die Zeit: vom Volksfestzug 1904 über Käthes mutige Arbeit, vom Geisterhalt beim Schlachthof bis zu den Eisvögeln, die heute das Revier erobert haben. Wer in Ingolstadt aufbricht und in Riedenburg ankommt, hat nicht nur Kilometer zurückgelegt, sondern Geschichten eingesammelt. Geschichten, die anderswo längst vergessen wären – hier aber im Takt der Pedale weiterleben.
Der große Tag von 1904
Am 3. Oktober 1904 bebte das Schambachtal. Fahnen flatterten, Blaskapellen spielten, Kinder liefen neben den frisch glänzenden Schienen her. Zum ersten Mal fuhr die Schambachtalbahn von Ingolstadt nach Riedenburg. Ganze Landstriche feierten, und manche Fahrgäste hatten so ein „Dampfross“ noch nie aus der Nähe gesehen. Einige tuschelten sogar, ob das Ungetüm wohl sicher sei – schließlich hatte man bis dato Pferdefuhrwerke benutzt.
„Mei Sepp, stell dir vor, wir sitzen wirklich im Zug!“, raunte eine Frau ihrem Mann zu, als die Lok pfeifend in den Bahnhof rollte. Er schüttelte ungläubig den Kopf und drückte den Hut fester. Kinder reckten sich, um den Kohleschauflern zuzusehen, während Alte ehrfürchtig das eiserne Monster bestaunten. Für die Bevölkerung war diese erste Fahrt ein Volksfest, ein Tor in eine neue Zeit – und für viele die erste preiswerte Gelegenheit, in nur gut 100 Minuten ins Altmühltal zu gelangen.
Käthe Stadler, die Frau am Stellwerk
Ein fast vergessenes Kapitel schreibt die kleine Ortschaft Mendorf. Hier wirkte Käthe Stadler, die erste Frau in Bayern, die offiziell eine Bahnagentur leitete. In einer Zeit, in der Frauen kaum eine Chance hatten, in technischen Berufen Fuß zu fassen, verkaufte sie Fahrkarten, organisierte Frachten und hielt die kleine Station am Laufen. Zuvor hatte sie die Bauarbeiter mit warmem Essen versorgt.
„Frau Stadler, Sie schaffen ja mehr als zwei Männer zusammen“, soll ein Gleisarbeiter einmal lachend gesagt haben, als sie wieder eine schwere Kiste Post verlud. Käthe, die resolute Frau mit dem festgesteckten Haar, winkte nur ab: „Einer muss es ja machen. Und warum nicht ich?“ Zwischen rußigen Händen und schwieligen Arbeitern war sie eine Pionierin, die still, aber unübersehbar Geschichte schrieb.
Der Geisterhalt am Schlachthof
Zwischen Haupt- und Nordbahnhof, dort, wo später der Schlachthof entstand, gab es einen Haltepunkt, der offiziell nie existierte. Schüler und Arbeiter nutzten ihn dennoch – er war schlicht praktischer gelegen. Kein Fahrplan, kein Schild, nur ein stetes Ein- und Aussteigen, das über Jahrzehnte geduldet wurde.
Ein Schüler erinnerte sich später: „Wir standen einfach am Gleisrand. Der Lokführer nickte uns zu, als wüsste er genau, dass wir hier warteten. Kein Schild, kein Häuschen, aber jeden Morgen die gleiche Szene.“ Heute ist von diesem „Geisterhalt“ nichts mehr zu sehen. Doch wer den Radweg entlangrollt, fährt über ein Stück Alltagsgeschichte, das so nie in den Akten stand.
Dampf & Diesel im Festzug
Als die Bahn 1954 ihr 50-jähriges Jubiläum feierte, gab es einen ganz besonderen Festzug: vorne dampfte eine alte Lok in historischer Pracht, dahinter folgte ein moderner Schienenbus. Auf dem Volksfest in Riedenburg präsentierte man die Gegenwart und Vergangenheit nebeneinander.
„Schau mal, Opa, da ist dein Zug!“, rief ein Bub, als die alte Dampflok vorbeifuhr. Der Großvater, selbst einst Heizer, strich sich gerührt über den Schnauzbart. „Und da hinten, das ist die Zukunft“, entgegnete er und zeigte auf den roten Dieseltriebwagen. Für viele Kinder war der Tag ein Höhepunkt – sie durften zum ersten Mal im Führerstand stehen und die Schaufeln voller Kohle bestaunen.
Der Fels, der Pilz war
Wer heute durch das Schambachtal radelt, ahnt kaum, dass hier einst ein 60-Tonnen-Fels in Pilzform stand – der sogenannte „Steinpilz“. Er war Naturdenkmal und Kuriosum zugleich, bis er 2007 aus Sicherheitsgründen gesprengt wurde. Nur Fotos und Erzählungen blieben.
Ein alter Wanderer erzählte: „Wir Kinder kletterten immer auf den Pilz. Er war unser Aussichtsturm, unser Geheimnis.“ Heute trifft der Radler weiterhin auf seltsame Gesteinsformen: der „Kreutberglöwe“ etwa, ein Fels, der wie ein liegender Löwe aussieht. Kleine Naturanekdoten am Rande einer stillgelegten Bahntrasse.
Tiere, die mitreisen
Der Weg ist nicht nur Geschichte, sondern auch Natur pur. Eisvögel huschen über das Wasser, Pirol und Bartmeise lassen sich blicken, wenn man leise fährt. Dachse und Wiesel nutzen die stillen Abschnitte, und sogar Mufflons wurden schon gesichtet.
„Hast du das gesehen?“, flüstert eine Radlerin ihrem Begleiter zu, als ein blitzblauer Eisvogel vor ihr über den Bach schießt. In den Trockenrasen blühen seltene Orchideen, die ohne die stillgelegten Bahnflächen vielleicht längst verschwunden wären. So erzählt die Strecke auch von einer zweiten Nutzung: einer für die Natur.
Abschied auf Raten
1972 war Schluss für den Personenverkehr, 1973 für den Güterverkehr. Ein schwerer Schlag für die Region, die doch so lange für ihre Bahn gekämpft hatte. 1979 begann der Umbau – langsam, fast unbemerkt. Erst 2008 wurde der Radweg offiziell eröffnet.
„Es war, als würde ein Stück Seele verschwinden“, erinnerte sich ein ehemaliger Lokführer. Heute rollen hier keine Züge mehr, sondern Kinderfahrräder, E-Bikes und Rennräder. Aus einer Linie des Fortschritts wurde ein Weg der Entschleunigung.
120 Jahre später
2024, zum 120-jährigen Jubiläum, blickten die Gemeinden zurück: Ausstellungen, Radtouren, eine Modellbahn, gebaut von Schülern. Und Vorträge, die an Anekdoten erinnerten: an Käthe, den Geisterhalt, die Eröffnung im Jubel und den Abschied im Stillen.
Ein Besucher der Ausstellung blieb lange vor einem Schwarzweißfoto stehen. „Da ist mein Vater, beim Volksfestzug 1954“, sagte er leise. Für ihn war die Bahn mehr als Schienen und Züge – sie war Kindheit, Familie, Heimat. Wer heute die Strecke fährt, radelt nicht nur durch ein Tal, sondern durch eine Chronik.